Toilettenpapier. Zur Geschichte der Wischkultur – Sabine Schachtner

Der selbstverständlich gewordene Alltagsartikel Toilettenpapier wird in Deutschland erst zur Zeit des Wirtschaftswunders zu der Selbstverständlichkeit, die er heute ist. In vielen anderen Kulturen wird das Waschen dem Wischen immer noch vorgezogen. Die Kulturhistorikerin Sabine Schachtner zeichnet die Geschichte nach, die das Toilettenpapier von seinen Vorläufern aus genommen hat. In der hiesigen Kultur findet man in mittelalterlichen Kloaken Stoffreste, alte Lappen oder Wollballen, davor auch Blätter oder Moos. Der Gebrauch von minderwertigem Papier ist in Deutschland erst seit dem 16. Jahrhundert verbürgt. Die Unüblichkeit dieser neuen Sitte wird 1669 im Simplicissimus beschrieben, als ein zu Toilettenpapier degradierter Schreibbogen seine Geschichte erzählt. Die dieser Geschichte zugrunde liegende, stark ausgeprägte Recycling-Mentalität ist in einer Zeit, in der der Arbeitsaufwand bei der Herstellung von Verbrauchsgütern noch wesentlich höher ist als heute nicht unüblich. Mit wachsendem Papiergebrauch und anfallendem Papiermüll wird also auch das Toilettenpapier immer verbreiteter. Besonders die Etablierung von Zeitungen sorgt für einen nicht enden wollenden Vorrat an Papierabfall. Noch bis in die Nachkriegszeit werden alte Zeitungen in Deutschland geschnitten und gestapelt. Die Massenproduktion von Toilettenpapier setzt erst mit der industriellen und damit einfachen und billigen Produktion von Papier gegen 1900 ein. Auch Pakete für den Komfort unterwegs, komplett mit Seife und Handtuch, entstehen um diese Zeit. Auch die sukzessive Durchsetzung des in England entwickelten Wasserklosetts fordert das Ablassen von Zeitungspapier, das zu hart ist und die Rohrleitungen verstopft. In den 2000er Jahren liegt der pro Kopf-Verbrauch in Deutschland bei 46 Rollen im Jahr. Die Vorlieben und damit die Produktionstechniken für das Toilettenpapier unterscheiden sich länderspezifisch. Bei einem gesättigten Markt können Hersteller ihren Absatz nur noch auf Kosten der Konkurrenten erhöhen, indem sie das Alltagsprodukt Toilettenpapier mit vermeintlich immer vorteilhafteren Eigenschaften ausstatten.

Toilettenpapier ist weder eine Selbstverständlichkeit, noch überhaupt auf der ganzen Welt üblich oder gewollt. Die Geschichte eines Landes lässt sich dabei im Kleinen auch an der Entwicklung und Tradition seiner Toilettenkultur ablesen (und umgekehrt). Hygienetechnisch alternativlos ist die Toilettenpapier-Lösung jedenfalls nicht.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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